Mittwoch, 07.12.2005
US-Gesundheitswesen - in einer Liga mit Entwicklungsländern
Zwei Studien stellen dem US-amerikanischen Gesundheitssystem ein verheerendes Zeugnis aus / Säuglingssterblichkeit so hoch wie in Malaysia
WASHINGTON. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt einfach nicht: Obwohl die Vereinigten Staaten nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 14 Prozent ihres nationalen Einkommens für das Gesundheitswesen ausgeben, haben nun gleich zwei Studien belegt, daß das Gesundheitswesen der USA im internationalen Vergleich schlecht abschneidet.
In einer Studie des Commonwealth Fund, bei der schwer oder chronisch kranke Patienten in sechs Industriestaaten (Kanada, Australien, Neuseeland, Großbritannien, die USA und Deutschland) nach ihren Versorgungserfahrungen befragt worden waren, erhielt das US-amerikanische System in vielen Bereichen die schlechtesten Noten:
So erhielten 34 Prozent der US-Patienten entweder falsche Arzneimittel, eine inadäquate Behandlung oder inkorrekte oder verzögerte Testresultate (verglichen mit 23 Prozent in Deutschland und 22 Prozent in Großbritannien).
33 Prozent der US-Patienten beklagten sich über die mangelnde Koordination ihrer Versorgung - mehr als in allen anderen untersuchten Ländern.
16 Prozent der Befragten in den USA hatten keinen festen Haus- oder Vertrauensarzt (verglichen mit drei Prozent in Deutschland und vier Prozent in Großbritannien). Nur 50 Prozent hatten eine langfristige Arzt-Patienten-Beziehung von mindestens fünf Jahren (78 Prozent in Deutschland, 69 Prozent in Großbritannien).
Fast 40 Prozent der US-Patienten sagten, es sei "sehr schwierig", nachts, an Feiertagen oder am Wochenende ärztliche Hilfe zu erhalten, ohne die Notfallstation eines Krankenhauses in Anspruch zu nehmen (elf Prozent in Deutschland, 22 Prozent in Großbritannien). 55 Prozent der US-Amerikaner gaben denn auch an, in den vergangenen zwei Jahren die Notfallstation aufgesucht zu haben. Nur in Kanada war diese Rate mit 60 Prozent noch höher (in Deutschland 28 Prozent, in Großbritannien 45 Prozent).
Mit Abstand am schlechtesten schneidet die USA auch ab, wenn es um kostenbedingte Zugangsprobleme geht: Geldmangel hinderten 40 Prozent der US-Patienten daran, verschriebene Medikamente abzuholen und hielten 34 Prozent davon ab, zum Arzt zu gehen.
34 Prozent der in den USA Befragten gaben an, ihre Selbstbeteiligung habe 2004 über 1000 US-Dollar betragen. 30 Prozent hatten im Monat vor dem Interview über 100 US-Dollar an Selbstbeteiligung für Medikamente ausgegeben.
Außer der Commonwealth-Studie hat auch ein Bericht der Vereinten Nationen (UN) das US-amerikanische Gesundheitssystem kritisch analysiert.
Im "Human Development Report 2005" der UN wird das reichste Land der Welt mehr als einmal in einem Atemzug mit Entwicklungsländern erwähnt. Der UN-Bericht streicht heraus, daß die ungleiche Einkommensverteilung in den USA sowie die Tatsache, daß das Land keine Krankenversicherung für alle seine Bürger hat, zu skandalösen Ergebnissen führen.
So ist etwa die Säuglingssterblichkeit in den USA auf gleichem Niveau wie in Malaysia - einem Land, in dem das durchschnittliche Einkommen etwa ein Viertel des US-amerikanischen beträgt. Rassenbezogene Ungleichheit ist ebenfalls ausgeprägt. So hebt der UN-Bericht hervor, daß die Säuglingssterblichkeit in den Stadtregionen des indischen Bundesstaats Kerala niedriger ist als die unter schwarzen US-Amerikanern in der US-Hauptstadt Washington D.C.
Die Lebenserwartung in den USA ist, so die UN, ebenfalls vom Einkommen abhängig: Ein Junge, dessen Eltern zu den fünf Prozent der reichsten Amerikaner gehören, hat eine um 25 Prozent höhere Lebenserwartung als ein Junge, dessen Eltern zu den fünf Prozent der ärmsten Bürger gehören.
Einkommensunterschiede führen zu ungleichem Zugang zur Gesundheitsversorgung: 36 Prozent der US-Amerikaner, die unter der Armutsgrenze leben, sind ohne Krankenversicherung. Auch dort gibt es große Unterschiede je nach Herkunft der Menschen: Die Nichtversichertenrate unter Weißen liegt bei 13 Prozent, verglichen mit 34 Prozent bei US-Amerikanern hispanischer und 21 Prozent afrikanischer Herkunft.
Es sind die US-Amerikaner ohne Krankenversicherung, deren Versorgung oft inadäquat ist: Über 40 Prozent von ihnen haben keinen festen Hausarzt. Über ein Drittel der Nichtversicherten geben an, sie oder ein Familienmitglied müßten bei Krankheit ohne medizinische Versorgung auskommen, weil das Geld dafür fehlt. Etwa 18 000 Amerikaner, so zitiert der UN-Bericht das Institute of Medicine, sterben jedes Jahr verfrüht, weil sie nicht versichert sind.
Quelle : Ärztezeitung
WASHINGTON. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmt einfach nicht: Obwohl die Vereinigten Staaten nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) 14 Prozent ihres nationalen Einkommens für das Gesundheitswesen ausgeben, haben nun gleich zwei Studien belegt, daß das Gesundheitswesen der USA im internationalen Vergleich schlecht abschneidet.
In einer Studie des Commonwealth Fund, bei der schwer oder chronisch kranke Patienten in sechs Industriestaaten (Kanada, Australien, Neuseeland, Großbritannien, die USA und Deutschland) nach ihren Versorgungserfahrungen befragt worden waren, erhielt das US-amerikanische System in vielen Bereichen die schlechtesten Noten:
So erhielten 34 Prozent der US-Patienten entweder falsche Arzneimittel, eine inadäquate Behandlung oder inkorrekte oder verzögerte Testresultate (verglichen mit 23 Prozent in Deutschland und 22 Prozent in Großbritannien).
33 Prozent der US-Patienten beklagten sich über die mangelnde Koordination ihrer Versorgung - mehr als in allen anderen untersuchten Ländern.
16 Prozent der Befragten in den USA hatten keinen festen Haus- oder Vertrauensarzt (verglichen mit drei Prozent in Deutschland und vier Prozent in Großbritannien). Nur 50 Prozent hatten eine langfristige Arzt-Patienten-Beziehung von mindestens fünf Jahren (78 Prozent in Deutschland, 69 Prozent in Großbritannien).
Fast 40 Prozent der US-Patienten sagten, es sei "sehr schwierig", nachts, an Feiertagen oder am Wochenende ärztliche Hilfe zu erhalten, ohne die Notfallstation eines Krankenhauses in Anspruch zu nehmen (elf Prozent in Deutschland, 22 Prozent in Großbritannien). 55 Prozent der US-Amerikaner gaben denn auch an, in den vergangenen zwei Jahren die Notfallstation aufgesucht zu haben. Nur in Kanada war diese Rate mit 60 Prozent noch höher (in Deutschland 28 Prozent, in Großbritannien 45 Prozent).
Mit Abstand am schlechtesten schneidet die USA auch ab, wenn es um kostenbedingte Zugangsprobleme geht: Geldmangel hinderten 40 Prozent der US-Patienten daran, verschriebene Medikamente abzuholen und hielten 34 Prozent davon ab, zum Arzt zu gehen.
34 Prozent der in den USA Befragten gaben an, ihre Selbstbeteiligung habe 2004 über 1000 US-Dollar betragen. 30 Prozent hatten im Monat vor dem Interview über 100 US-Dollar an Selbstbeteiligung für Medikamente ausgegeben.
Außer der Commonwealth-Studie hat auch ein Bericht der Vereinten Nationen (UN) das US-amerikanische Gesundheitssystem kritisch analysiert.
Im "Human Development Report 2005" der UN wird das reichste Land der Welt mehr als einmal in einem Atemzug mit Entwicklungsländern erwähnt. Der UN-Bericht streicht heraus, daß die ungleiche Einkommensverteilung in den USA sowie die Tatsache, daß das Land keine Krankenversicherung für alle seine Bürger hat, zu skandalösen Ergebnissen führen.
So ist etwa die Säuglingssterblichkeit in den USA auf gleichem Niveau wie in Malaysia - einem Land, in dem das durchschnittliche Einkommen etwa ein Viertel des US-amerikanischen beträgt. Rassenbezogene Ungleichheit ist ebenfalls ausgeprägt. So hebt der UN-Bericht hervor, daß die Säuglingssterblichkeit in den Stadtregionen des indischen Bundesstaats Kerala niedriger ist als die unter schwarzen US-Amerikanern in der US-Hauptstadt Washington D.C.
Die Lebenserwartung in den USA ist, so die UN, ebenfalls vom Einkommen abhängig: Ein Junge, dessen Eltern zu den fünf Prozent der reichsten Amerikaner gehören, hat eine um 25 Prozent höhere Lebenserwartung als ein Junge, dessen Eltern zu den fünf Prozent der ärmsten Bürger gehören.
Einkommensunterschiede führen zu ungleichem Zugang zur Gesundheitsversorgung: 36 Prozent der US-Amerikaner, die unter der Armutsgrenze leben, sind ohne Krankenversicherung. Auch dort gibt es große Unterschiede je nach Herkunft der Menschen: Die Nichtversichertenrate unter Weißen liegt bei 13 Prozent, verglichen mit 34 Prozent bei US-Amerikanern hispanischer und 21 Prozent afrikanischer Herkunft.
Es sind die US-Amerikaner ohne Krankenversicherung, deren Versorgung oft inadäquat ist: Über 40 Prozent von ihnen haben keinen festen Hausarzt. Über ein Drittel der Nichtversicherten geben an, sie oder ein Familienmitglied müßten bei Krankheit ohne medizinische Versorgung auskommen, weil das Geld dafür fehlt. Etwa 18 000 Amerikaner, so zitiert der UN-Bericht das Institute of Medicine, sterben jedes Jahr verfrüht, weil sie nicht versichert sind.
Quelle : Ärztezeitung